Nachhaltigkeit

TCO Certified verschärft Kriterien für IT-Lieferketten

Zwangsarbeit, übermäßige Überstunden, Konfliktmineralien und Umweltschäden: Die größten Risiken in der IT-Fertigung liegen oft tief in der Lieferkette, weit entfernt von dort, wo Produkte verkauft und genutzt werden. TCO Certified, das sich als Nachhaltigkeitszertifizierung für IT-Produkte seit 1999 für bessere soziale und ökologische Bedingungen in der IT-Branche einsetzt, will mit einer Bewertung von Fabriken und schrittweise strengeren Kriterien gegensteuern. Dabei sollen die Anforderungen auf weitere Stufen der Lieferkette ausgedehnt werden.

Stephen Fuller in schwarzem Pullover mit Reißverschluss in einem Großraumbüro, umgeben von grafischen Symbolen für Fabriken und Personen
Stephen Fuller ist bei TCO Certified für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in der Lieferkette zuständig (Bild: TCO Certified)

Stephen Fuller, bei TCO Certified Experte für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in der Lieferkette, kennt Fabriken in Asien und Südamerika aus eigener Anschauung. Zwei Probleme stechen für ihn heraus: Es sei schwierig zu erkennen, was tief in der Lieferkette tatsächlich passiert, und selbst bekannte Risiken ließen sich nur schwer beheben.

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Viele Markeninhaber sähen sich nicht in der Position, von Zulieferern bessere Praktiken einzufordern, berichtet Fuller. Fabrikbetreiber wiederum scheuten Investitionen in Nachhaltigkeit, weil sie höhere Kosten und weniger Aufträge befürchteten.

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, führte TCO Certified 2018 die Accepted Factory List ein. Sie ordnet Fabriken, die zertifizierte Produkte herstellen, nach ihrer Nachhaltigkeitsleistung ein. Werke, die die Kriterien proaktiv erfüllen, landen in einer Kategorie mit geringem Risiko, Fabriken mit anhaltenden Problemen werden als höheres Risiko eingestuft. Zulieferer in der Niedrigrisiko-Kategorie gewinnen laut TCO Certified nachweislich mehr Kunden.

„Die Accepted Factory List macht Nachhaltigkeit zum Wettbewerbsvorteil“, betont Fuller. „Gleichzeitig stärkt sie den Einfluss der IT-Marken auf ihre Zulieferer.“

Von der Endmontage zu den Panel-Herstellern

Nach vielen Jahren der Arbeit mit Endmontagewerken sehe sich TCO Certified nun in der Lage, weiter in die Lieferkette vorzudringen, erläutert Fuller. Begonnen habe man mit Fabriken für Display-Panels. Von ihnen werde dasselbe Maß an Compliance verlangt, also Audits, Korrekturmaßnahmenpläne und die Nachverfolgung von Umweltrisiken und Arbeitsbedingungen.

Die Wahl fiel laut TCO Certified bewusst auf diese Werke. Große Anlagen, ein hoher Chemikalieneinsatz und ein CO2-Fußabdruck, der bis zu 50 Prozent des Endprodukts ausmachen kann, versprechen bei jeder Verbesserung eine große Wirkung. Viele Panel-Hersteller werden zudem direkt von IT-Marken beauftragt und kennen TCO Certified bereits über die Kriterien zur visuellen Ergonomie.

Als Nächstes sollen Fabriken für PCB-Mainboards mit strengeren Anforderungen an Umwelt- und Energiemanagement, Arbeitsbedingungen sowie Gesundheits- und Arbeitsschutz folgen.

Verantwortungsvolle Rohstoffbeschaffung

Viele für IT-Produkte wichtige Materialien stammen aus Bergbauregionen, die von Konflikten, Ausbeutung und Umweltschäden geprägt sind. Seit 2015 verlangt TCO Certified daher, dass Marken ihre Lieferketten erfassen und sicherstellen, dass Schmelzhütten und Raffinerien Standards für verantwortungsvolle Beschaffung einhalten. Anfangs hätten sich viele asiatische Marken weniger mit Konfliktmineralien befasst als amerikanische, die durch Regelungen wie den Dodd-Frank Act geprägt waren, berichtet Fuller. Mit strengeren Anforderungen habe man mehr asiatische Marken ins Boot holen können.

Die Kriterien umfassen strenge Sorgfaltspflichten für die Konfliktmineralien Zinn, Tantal, Wolfram und Gold (3TG) sowie für Kobalt. Zugleich soll der Anteil recycelter Materialien steigen. „Wir prüfen, wie sich recycelte Materialien bei der Rohstoffbeschaffung fördern lassen“, ergänzt Fuller. Schmelzhütten zu identifizieren, die mit recyceltem Schrott arbeiten, sei ein wichtiger Schritt zu nachhaltigeren IT-Produkten.

In den kommenden Jahren plant TCO Certified strengere Vorgaben für verantwortungsvoll beschaffte Mineralien, Kriterien zum Wassermanagement zum Schutz von Ökosystemen nahe den Produktionsstandorten sowie ein erweitertes Monitoring, das tiefer in die Lieferkette reicht. Bis 2033 sollen Beschäftigte zudem existenzsichernde Löhne statt nur Mindestlöhne erhalten, und die Beschaffungsanforderungen sollen auf weitere Hochrisiko-Materialien wie Glimmer und Lithium ausgeweitet werden.

„Nachhaltigkeit in Lieferketten ist eine Herausforderung, die wir aber durch Zusammenarbeit und Innovation bewältigen können“, resümiert Fuller.

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