Onlineunterricht auf Industrieniveau: Wie das TA Bildungszentrum 25 Selbstfahrerstudios betreibt

Die Digitalisierung der Bildungslandschaft ist längst kein Provisorium mehr. Während viele Anbieter hybride Formate als Ergänzung verstehen, hat die TA Bildungszentrum GmbH in Hameln Onlineunterricht systematisch industrialisiert. Mit derzeit 25 identisch ausgestatteten Onlinestudios – und einer geplanten Verdopplung – entsteht hier eine Infrastruktur, die man eher aus Broadcast- oder Produktionsumgebungen kennt als aus klassischen Bildungseinrichtungen.

Geschäftsführer Frédéric Thiele gibt im AVcon-Pulse-Videocast Einblicke in ein Projekt, das aus einer pandemiebedingten Notlösung hervorging und heute zu einem strategischen Geschäftsmodell gewachsen ist.

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https://youtu.be/B4tMpR0vupY

17.000 Studierende – bis zu 100 Kurse täglich

Rund 17.000 Studierende besuchen jährlich das TA Bildungszentrum. Neben langfristigen Aufstiegsfortbildungen laufen zahlreiche Zertifikatslehrgänge in Vollzeit-, Teilzeit- und Abendformaten. Das bedeutet: tagsüber bis zu 60 parallele Online-Unterrichtseinheiten, abends nochmals bis zu 40.

Um diese Größenordnung qualitativ hochwertig abzubilden, setzt das Unternehmen auf eine klar standardisierte Studiostruktur. Jedes Studio misst sechs mal sechs Meter, ist identisch konzipiert und verfügt über vier Kameras, sieben Monitore, Greenscreen-Umgebung sowie eine Tablet-basierte Steuerung. Dozenten arbeiten mit Nackenbügelmikrofonen und Netzwerklautsprechern – ohne Kopfhörer, ohne separates Regieteam.

Virtuelles Studio auf Basis der Unreal Engine

Die Besonderheit: Die sichtbaren Lehrumgebungen entstehen im virtuellen Raum. Über eine Engine-basierte 3D-Umgebung werden unterschiedliche Lehrszenarien erzeugt, während sich der Dozent physisch in einem Greenscreen-Studio befindet. Body-Tracking, automatisierte Kamerafahrten und Gestensteuerung sorgen für Dynamik.

Die Studios sind als sogenannte Selbstfahrerstudios konzipiert. Lehrkräfte übernehmen Regie, Kamerapositionen und Szenenwechsel selbst – unterstützt durch hohe Automatisierung. Ziel ist es, Technikbarrieren zu minimieren und gleichzeitig professionelle Produktionsqualität zu ermöglichen.

Vom Prototyp zur skalierbaren Serienlösung

Der Weg dorthin war iterativ. Erste Streaming-Setups mit Webcams und provisorischen Greenscreens wurden kontinuierlich weiterentwickelt. Ein interdisziplinäres Team aus Filmproduktion, 3D-Design, Systemintegration und Softwareentwicklung entwickelte ein skalierbares Studiokonzept.

Entscheidend war die Wahl einer geeigneten Immobilie: Eine ehemalige Produktionshalle mit 12.000 Quadratmetern bietet ausreichend Platz für identische Raumstrukturen und kontrollierte Lichtverhältnisse ohne direkte Sonneneinstrahlung. Der nächste Ausbau mit weiteren 25 Studios ist bereits genehmigt.

Eigene Videoplattform und LMS-Integration

Parallel zur physischen Infrastruktur entstand eine eigene Videoplattform mit integriertem Lernmanagementsystem. Statt auf Standard-Videokonferenzlösungen zu setzen, entwickelte das Bildungszentrum eine maßgeschneiderte Umgebung mit hoher Auflösung, Stundenplan-Integration, Dateiaustausch, Foren und automatisierten Prozessen.

Auch ERP-Anbindungen und Stundenplansteuerungen wurden integriert. Die Plattform wächst kontinuierlich weiter – neue Funktionen entstehen regelmäßig im virtuellen Raum, unabhängig vom physischen Ausbau.

Interaktion statt Frontalstreaming

Ein zentrales Ziel war es, Distanzunterricht nicht als statisches Videostreaming zu begreifen. Unterschiedliche Kamerapositionen, Wechsel zwischen Steh-, Sitz- und Freestyle-Position, Dokumentenkamera und bewegungsbasierte Interaktion sollen Aufmerksamkeit und Beteiligung fördern.

Dozenten erhalten Schulungen, um sich schnell im Studio zurechtzufinden. Das Feedback: Nach kurzer Einarbeitung fühlen sich Lehrkräfte sicher, während Teilnehmende die professionelle Inszenierung als hochwertig und überraschend wahrnehmen.

AV, IT und Automatisierung als Gesamtsystem

Für AV-Planer und Systemintegratoren ist das Projekt besonders interessant, weil es zeigt, wie Medientechnik, IT-Infrastruktur, Automatisierung und Didaktik zusammenspielen müssen. Hier geht es nicht um Einzelkomponenten, sondern um ein skalierbares Gesamtsystem mit hoher Verfügbarkeit.

Onlinebildung wird damit systemrelevant – technisch wie organisatorisch.

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