Ein Kommentar von GEZE

Gebäude der Zukunft schaffen

Wie Gebäude der Zukunft aussehen könnten, erklären Sören Eilers, Objektberater bei GEZE, und Marco Sperling, Diplom-Ingenieur Architektur bei PPP Architekten aus Lübeck. Klimaschutz und steigende Energiepreise verlangen, dass wir bei der Planung und Errichtung von Gebäuden umdenken. Speziell auch Energiefresser wie raumklimatische Anlagen sollen teilweise durch alternative Systeme kompensiert werden können.

Rathaus Leonberg
Rathaus Leonberg (Bild: Jürgen Pollak für GEZE GmbH)

Die heutigen Anforderungen an ein „lebenswertes Gebäude“ seien anders als die in den vergangenen 15 Jahren: Die Denkweise der Menschen habe sich verändert, zudem herrschen regionale Unterschiede, wenn es um die Frage geht, was ein zeitgemäßes Gebäude ausmache. Werden mancherorts nur noch Passivhäuser errichtet, so liege der Fokus andernorts beispielsweise auf freien Lernkonzepten und offenen Räumen. Für Planer:innen und Architekt:innen bedeute das, dass sie weit vorausdenken müssen. „Gebäude werden in der Gegenwart für die Zukunft gebaut, für die nächsten 30 bis 50 Jahre Nutzungszeit“, erklärt Marco Sperling. „Wir müssen in unserer heutigen Planung also bereits die Nutzungsmöglichkeiten für in ein paar Jahrzehnten bedenken. Dabei ist jedoch fast immer das Budget der limitierende Faktor.“

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Neben den von den Auftraggebenden gesteckten Rahmenbedingungen gebe es diverse gesetzliche Anforderungen, Normen und Verordnungen, die einzuhalten sind. Dabei seien sich die unterschiedlichen Regelwerke nicht immer einig. „Es gibt in Deutschland fast nichts, das nicht geregelt ist. Die Rahmenbedingungen der Auftraggeber sind oft verhandelbar, bei gesetzlichen Vorgaben ist das weitaus schwieriger“, so Sperling. Damit am Ende alle Wünsche, Bedürfnisse, Anforderungen und Vorschriften unter einen Hut gebracht werden können, sei eine Abstimmung mit allen Beteiligten wichtig: „Der Abstimmungsbedarf wächst ständig und ist sogar in Zertifizierungsprozessen verankert. Das ist auch durchaus sinnvoll, damit es am Ende ein gutes Gebäude wird. Es gilt in jedem Fall: Je besser die Abstimmung von Beginn an, desto besser das Ergebnis!“ So würden im Idealfall die fachbeteiligten Planer:innen für Haustechnik, Statik, Tragwerk etc., die Verarbeiter:innen, aber auch Nutzer:innen und Auftraggeber:innen sowie deren Interessensvertreter eingebunden.

Abstimmung mit dem Auftraggeber

Viele Planer:innen und Architekt:innen würden in ihrer täglichen Arbeit merken, dass die Regelwerke mittlerweile so groß sind, dass keine klaren Vorgaben mehr existieren. „Durch die Vielzahl der Normierungen wissen wir oft gar nicht mehr, was wir eigentlich tun sollen“, so Sperling. „Die Vorgaben aus den Regeln der Technik, beispielsweise hinsichtlich der Belüftung von Gebäuden, sind enorm. Die Vorgaben aus den Technischen Regeln für Arbeitsstätten 3.6 sagt zum Beispiel etwas über Raumluftqualität. Genauso die DIN EN 16798 oder VDI 6040. Alle geben jedoch unterschiedliche Zahlen und Messgrößen zum selben Thema vor. Bei der Planung müssen wir also mit unseren Auftraggebern abstimmen, welches Regelwerk für das jeweilige Projekt zugrunde gelegt wird.“

Stadtbibliothek am Mailänder Platz, Stuttgart (Bild: Lazaros Filoglou für GEZE GmbH)

Denn eines sei klar, so Sperling: „Es gibt nicht die eine Patentlösung für alle Anwendungen. Architektur ist immer Prototyping! Jedes Gebäude wird für den einen Ort und Zweck geplant und gebaut. Jedes hat eine andere Anforderung, die jeweils definiert, was geplant und umgesetzt wird. Zwar gehen wir immer davon aus, dass ein Gebäude seine Nutzungsart behält. Muss es aber nicht!“ Aktuell zeige die Pandemie oder auch die durch den Krieg in der Ukraine ausgelöste Debatte um die Nutzung von Gas, dass Zukunft immer Veränderungen mit sich bringe. „Gute, lebenswerte Gebäude müssen das kompensieren und sich anpassen können.“

Einflussmöglichkeiten der Nutzer:innen

Feldstudien sollen gezeigt haben, dass das Wohlempfinden von Nutzer:innen in Gebäuden nicht unbedingt von messbaren Größen wie der passenden Luftfeuchtigkeit und Temperatur abhänge. Vielmehr seien es objektive und scheinbar untergeordnete Dinge wie das Gefühl der Nutzer:innen in einem Raum, die den Unterschied machen. „Ein Versuch wurde beispielsweise mit einem Regelungssystem einer mechanischen Lüftungsanlage gemacht“, berichtet Marco Sperling. „Der fragliche Raum war klimatisiert und auf Idealtemperatur eingestellt, alles wurde zentral gesteuert. Doch die Nutzer fühlten sich unwohl. Erst als das Gebäude umgerüstet und Regler und Thermostate eingebaut wurden, die die Menschen selbst einstellen konnten, stieg das Wohlempfinden – einfach nur, weil sie eine Einflussmöglichkeit hatten.“ Aus seiner Sicht sei es daher ratsam, für lebenswerte Gebäude die Einflussmöglichkeiten der Nutzer:innen hochzuhalten, die Technisierung dagegen so hoch wie nötig, aber so gering wie möglich.

Vector Informatik GmbH
Vector Informatik GmbH (Bild: Jürgen Pollak für GEZE GmbH)

„Auf diese Weise entstehen ganz automatisch hybride Systeme, zum Beispiel hybride Lüftungssysteme“, so Sören Eilers. Deren Stärke sei unter anderem ihr Sparpotenzial hinsichtlich Energieverbrauch und -kosten. Denn, so ergänzt Marco Sperling, das größte Einsparpotenzial böten hybride Systeme, die es ermöglichten, eine Maschine abzuschalten und beispielsweise die Frischluftzufuhr manuell zu regeln. „Vieles lässt sich jedoch gar nicht im Vorfeld festlegen, sondern hängt vom Nutzerverhalten ab. Wollen Bauherren Förderprogramme nutzen, liegt der Fokus aber immer auf dem Thema Energieeffizienz.“


Was ist ein hybrides System?

Vereinfacht gesagt ist ein hybrides System eine Mischung aus automatisierten und manuellen Komponenten. Wobei die meisten Komponenten eines hybriden Systems ohnehin in einem Gebäude verbaut sind und so kein zusätzlicher Aufwand entstehe. Ein hybrides Lüftungssystem beispielsweise kann aus Fenstern bestehen, die das Gebäude sowieso enthält. Hinzu kommt eine mechanische Abluftanlage. Die Zuluft kommt über das manuell geöffnete Fenster. „Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Infiltration der Luft in den Raum“, so Marco Sperling. „In jedem Fall braucht es eine Kommunikation der Systeme miteinander.


Hybride Systeme: Sinnvoll, aber oft noch unbekannt?

In jedem Falle lohne es sich, so Sperling, schon bei der Planung über verschiedene Vor- und Nachteile eines hybriden Systems zu diskutieren. „Oft ist Überzeugungsarbeit nötig. Wir machen daher zum Beispiel im Vorfeld einer Planung Ausflüge mit Nutzern und Auftraggebern, machen Workshops vor Ort, zeigen ihnen verschiedene Gebäude – alles, damit sie verstehen, wie wir uns Gebäude vorstellen. So können wir zeigen, was Räume, Lüftungskonzepte etc. können und wie die Umsetzung unserer Planungen aussehen kann. Das funktioniert gut: Die Akzeptanz steigt enorm, wenn man erkennt, wie gute Architektur, Ästhetik, Nutzbarkeit, Qualitäten in Oberflächen, die Raumluftqualität und die Umnutzbarkeit des Gebäudes zusammenspielen.“

Vector Informatik GmbH
Vector Informatik GmbH (Bild: Jürgen Pollak für GEZE GmbH)

Und diese Akzeptanz seitens Nutzer:innen und Bauherr:innen brauche es, um heute entstehende Gebäude lebenswert und zukunftsfähig zu machen. „Gebäude müssen flexibel reagieren können auf Gegebenheiten wie die Energieversorgung, klimatische Veränderungen und leider auch auf Ereignisse wie Kriege und Pandemien“, so Eilers und Sperling. Ihr Fazit: „Wir müssen also schon heute die Ziele gemeinsam mit allen Beteiligten definieren und so Gebäude schaffen, die auch in 50 Jahren noch funktionieren.“

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