Mit der Dernière von Giuseppe Verdis “Aida” am 28. Juni 2026 habe sich jene Produktion von der Bühne verabschiedet, die das Interim des Staatstheaters Kassel am 31. Oktober 2025 eröffnet hatte. Zwölfmal stand “Aida” auf dem Programm. Mit der letzten Vorstellung ende eine der prägendsten Inszenierungen der ersten Spielzeit – nicht aber der Spielbetrieb: Das von Nüssli realisierte temporäre Theater bleibe in vollem Einsatz – ein wandelbarer Raum, der sich für jede Produktion neu konfigurieren lasse. Nüssli habe das modulare Haus als Totalübernehmer in nur rund eineinhalb Jahren gebaut – von der Planung bis zur Eröffnung in unter zwei Jahren.
(Bild: Machma Machma)
Das Opern- und Schauspielhaus des Staatstheaters Kassel am Friedrichsplatz, in den 1950er-Jahren erbaut, entspreche weder in seiner Bühnentechnik noch in seiner Gebäudesubstanz den heutigen Anforderungen; die Bühnentechnik habe aus Sicherheitsgründen nicht mehr betrieben werden dürfen. Für das Staatstheater mit rund 600 Mitarbeitenden habe sich daher nicht die Frage gestellt, ob, sondern wie der Spielbetrieb während der mehrjährigen Sanierung weiterlaufen könne. Die Antwort sei das Interim: ein eigens errichtetes, vollwertiges Theater, modular gebaut und nach der Nutzung an einem anderen Standort wiederaufbaubar.
Eingespieltes Team unter Zeitdruck
Das Interim sei von der Stadt Kassel initiiert und verantwortet, vom Land Hessen massgeblich finanziell unterstützt und von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG als Bauherrin in Auftrag gegeben worden. Aus einem europaweiten Vergabeverfahren sei Nüssli im Mai 2024 als Totalübernehmer hervorgegangen und habe damit die Gesamtverantwortung für Planung, Bauausführung, Bühnentechnik, Akustik und technische Gebäudeausstattung getragen.
“Das Projekt war ein Rennen gegen die Zeit – aber eines, das wir gemeinsam gewonnen haben: dank klarer Kommunikation, Vertrauen und einer lösungsorientierten Zusammenarbeit zwischen Stadt, GWG, Nüssli und Staatstheater,” sagt Stefan Sekiguchi, COO Special Projects der Nüssli Gruppe.
Modular, rückbaubar, technisch auf höchstem Niveau
Der Theaterbau basiere auf einer Modulbauweise aus Stahlfachwerk – kein Notbehelf, sondern von Beginn an zentrales Planungsprinzip, aus zwei Gründen: für die Realisierungsgeschwindigkeit und für die vollständige Rückbaubarkeit. Dank Vorfertigung hätten sich Bühnenboden, Bühnentechnik und Schnürboden parallel einbauen lassen; ein eigens unter die Decke gehängtes fliegendes Gerüst mit 80 Motoren habe den Parallelbetrieb ermöglicht. Der nutzbare Bühnenraum messe 25 mal 50 Meter bei bis zu 18 Metern lichter Höhe; rund um das Gebäude dienten über 160 Container als Garderoben, Maske, Lager und technische Räume.
Im Zentrum stehe eine konsequent durchdachte Multifunktionalität. Eine in den Hallenboden eingelassene Schwerlast-Drehscheibe mit 18 Metern Durchmesser und 80 Tonnen Nutzlast trage grosse Bühnenaufbauten ebenso wie eine komplette Zuschauertribüne und ermögliche Raumtransformationen während der Vorstellung. Eine Obermaschinerie mit 28 Zügen erstrecke sich über die gesamte Raumlänge, eine umlaufende vierstöckige Galerie diene zugleich als Zuschauerrang, Spielfläche und Beleuchtungsebene. Insgesamt seien fünf grundlegend verschiedene Konfigurationen möglich, von der klassischen Guckkastenbühne bis zur 360-Grad-Arena. Nach voraussichtlich fünf bis sechs Jahren in Kassel könne das gesamte Bauwerk abgebaut und andernorts wiederaufgebaut werden.
(Bild: Machma Machma)
“Aida” – ideales Stück für ein aussergewöhnliches Haus
Dass ausgerechnet “Aida” das Interim eröffnet habe und nun verabschiede, sei kein Zufall: Mit über 200 Mitwirkenden gehöre sie zu den raumgreifendsten Produktionen des Repertoires – und habe die baulichen Möglichkeiten des Hauses so vollständig ausgenutzt wie kaum eine andere. Intendant Florian Lutz habe die klassische Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufgelöst: Das Publikum habe die Inszenierung von der drehbaren Haupttribüne, von Orchestersesseln am Graben, von vier Galerieebenen und von Plätzen mitten auf der Hauptbühne erlebt.
“Mit der Eröffnung des Interim verwirklicht sich nicht nur ein existenziell wichtiges Bauprojekt, sondern auch eine neue Vision von Theaterkunst und Bühnenbau,” sagt Florian Lutz, Intendant des Staatstheaters Kassel.
Für Nüssli reihe sich das Interim in eine wachsende Expertise im temporären Kulturbau ein. Bereits die Isarphilharmonie im Münchner Gasteig HP8 habe gezeigt, dass temporäre Spielstätten weit mehr sein könnten als Übergangslösungen. Das Interim auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne I gehe mit seiner Flexibilität und Multifunktionalität einen Schritt weiter und könne zum Modell für eine neue Generation temporärer Kulturbauwerke werden.
Nach der Dernière ist vor der nächsten Vorstellung
Mit dem Abschied von Aida ende die größte Produktion der ersten Spielzeit, nicht aber der Spielbetrieb. Schon bisher habe das Interim weit mehr als ein einzelnes Stück geboten: In rund acht Monaten seit der Eröffnung hätten 113 Vorstellungen stattgefunden – Oper, Operette, Schauspiel, Tanz und Konzert in dichter Folge, darunter Hänsel und Gretel, Die Fledermaus und mehrere Tanz- und Musiktheater-Uraufführungen. Genau dafür sei das Haus gebaut worden: als wandelbarer Raum, der sich Produktion für Produktion neu erfinde und zwischen den Aufführungen rasch umkonfiguriert werden könne. Das Interim bleibe die zentrale Spielstätte des Staatstheaters Kassel, bis das Stammhaus saniert sei. Den Auftakt der neuen Spielzeit mache Der fliegende Holländer, dessen Premiere am 19. September 2026 im Interim stattfinde.