EASE-to-IMMI-Workflow verbindet Sounddesign und Immissionsschutz
von Redaktion,
Eine mehrjährige Forschungskooperation der AFMG Technologies GmbH, Wölfel Engineering, TW Audio und dem Akustik Bureau Dresden habe zu einem validierten Aggregate Point Source (APS)-Modell geführt, das nun in EASE 5integriert sei. Die Entwicklung schlage eine Brücke zwischen Beschallungsplanung und Immissionsprognose.
Veranstalter und Tontechniker strebten nach einer kraftvollen, emotional wirkenden Beschallung, die ein intensives Live-Erlebnis ermögliche. Gleichzeitig stelle insbesondere der Open-Air-Bereich hohe Anforderungen an den Immissionsschutz. Die Planung bewege sich dabei häufig im Spannungsfeld zwischen Publikumswirkung und potenzieller Belastung angrenzender Wohngebiete.
Anzeige
Dieser Zielkonflikt führe in der Praxis immer wieder zu Kompromissen, da sich künstlerischer Anspruch und regulatorische Anforderungen nur schwer in Einklang bringen ließen. Zusätzlich erschwere die unterschiedliche fachliche „Sprache“ der Disziplinen den Austausch zwischen Beschallungsplanung und Immissionsschutz.
Unterschiedliche Modellwelten
Die Elektroakustik arbeite mit kohärenten Quellenmodellen, um die Schalldruckverteilung im Publikumsbereich präzise abzubilden. Interferenzen zwischen Einzelquellen würden dabei bewusst genutzt, um das Gesamtsystem gezielt zu optimieren, etwa durch Cardioid-Setups oder Beam Steering.
Demgegenüber basierten immissionsschutzrechtliche Berechnungen auf normativen Verfahren wie der ISO 9613-2. Diese gingen von inkohärenten, leistungsbasierten Ersatzquellen aus und seien ursprünglich für statische Lärmquellen wie Industrieanlagen entwickelt worden. Umgebungsfaktoren wie Wind oder Temperaturgradienten würden berücksichtigt, die komplexe Richtwirkung moderner PA-Systeme jedoch nur eingeschränkt abgebildet.
Methodische Lücke zwischen Planung und Prognose
Während Beschallungssimulationen sehr detaillierte Ergebnisse für den Zuschauerbereich lieferten, blieben Auswirkungen außerhalb der Zielzone häufig unberücksichtigt. Immissionsmodelle wiederum betrachteten das System stark vereinfacht und ignorierten die komplexe Interaktion mehrerer Lautsprecherquellen.
Auf der leat con 26 vom 6.–8. März in Hamburg ist TW Audio hier in Halle A1 zu finden: Hallenplan
Der neue Ansatz schließe diese Lücke durch eine direkte Kopplung beider Modellwelten. Das Aggregate Point Source (APS)-Modell generiere aus detaillierten EASE-5-Simulationen Ersatzschallquellen, indem kohärente Lautsprechergruppen zu sogenannten APS zusammengefasst würden. Diese repräsentierten die Fernfeld-Richtwirkung des Gesamtsystems und würden im Immissionsmodell als inkohärente Quellen weiterverarbeitet.
Der Datenimport und -export zwischen EASE 5 und IMMI sei bereits vollständig implementiert, wodurch ein durchgängiger Workflow entstehe.
Der APS-Ansatz sei bereits in mehreren Studien untersucht und validiert worden. Die Ergebnisse zeigten eine praxisnahe Prognosegenauigkeit von etwa 1 bis 3 dB. Der Ansatz sei normkonform und ermögliche eine deutlich realitätsnähere Abbildung moderner Beschallungssysteme im Genehmigungsprozess.
Screenshot
Im Rahmen der Untersuchungen seien zudem die GLL-Modelle von TW Audio überarbeitet und verifiziert worden. Dabei hätten sich Abweichungen von weniger als 1 dB zwischen Messung und Simulation gezeigt.
Das Aggregate Point Source (APS)-Modell sei das Ergebnis enger Zusammenarbeit zwischen Tobias Goldmann (TW Audio), AFMG, Wölfel Engineering und dem Akustik Bureau Dresden. Dabei seien wissenschaftliche Methoden, Simulationsansätze und praktische Erfahrungen aus verschiedenen Disziplinen zusammengeführt worden, um eine realitätsnahe Immissionsprognose moderner Beschallungssysteme zu ermöglichen.
Die Kooperation zeige exemplarisch, dass Innovation im Bereich der Akustik dort entstehe, wo Forschung, Industrie und Anwendung eng verzahnt zusammenarbeiteten.
TW Audio ist auf der leat con 26 in Halle A1 vertreten!
Feistel, J. Blaul, T. Goldmann, A. Nicht: „Sound immission modeling of open-air sound systems”, AES 157th Convention, New York, Sep. 2024. Link
Blaul, S. Feistel, T. Goldmann, A. Nicht: „Standard-Compliant Sound Immission Forecasts for Open-Air Music Events”, DAGA 2025, Kopenhagen. Link
Goldmann, J. Blaul, S. Feistel, A. Nicht: „Modelling and Verification of Low-Frequency Sound Systems in the Application of Noise Predictions”, AES 159th Convention, Long Beach, Oct. 2025. Link
Blaul, S. Feistel, T. Goldmann, A. Nicht: „Ein softwareübergreifender Workflow zur schalltechnischen Bewertung komplexer Beschallungssysteme im Rahmen von Immissionsprognosen”, DAGA 2026, Dresden. Link
Nicht, O. Gehler, M. Hädel, T. Goldmann, S. Feistel, J. Blaul: „Messtechnische Validierung von Prognoserechnungen für Open-Air-Beschallungsanlagen hinsichtlich der richtungsabhängigen Schallabstrahlung”, DAGA 2026, Dresden. Link