Geschäftsreisen steigen trotz Rezession, Unternehmen setzen auf persönliche Präsenz
VDR-Geschäftsreiseanalyse 2026
von Redaktion,
Laut der neuen VDR-Geschäftsreiseanalyse 2026 (Verband Deutsches Reisemanagement e.V.) zeigt sich ein deutliches und zugleich überraschendes Bild der deutschen Wirtschaft: Trotz zweier Rezessionsjahre in Folge steigt die Zahl der Geschäftsreisen an. 2025 wurden 116,1 Millionen Reisen unternommen – ein Plus von 8,3 Prozent. Gleichzeitig sinken die durchschnittlichen Kosten pro Reise um 4,8 Prozent auf 418 Euro. Unternehmen reisen damit häufiger, aber deutlich effizienter.
Christoph Carnier, Präsident des VDR, ordnet die Entwicklung ein: „Geschäftsreisen sind kein betrieblicher Overhead, sondern ein Frühindikator für Wirtschaftsdynamik. Dass die Reisetätigkeit ausgerechnet in zwei Rezessionsjahren wächst, zeigt: Unternehmen investieren nicht weniger in Beziehungen, sie investieren selektiver. In einem Markt voller Unsicherheiten wird der persönliche Austausch zum strategischen Faktor.“
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Geschäftsreisemarkt im Wandel: Mehr Volumen, neue Muster
Besonders kleine und mittlere Unternehmen würden die Entwicklung prägen. Über drei Viertel aller Geschäftsreisen entfallen auf Firmen mit 10 bis 500 Mitarbeiter:innen. Ihre Reisetätigkeit wächst mit 5,6 Prozent fast fünfmal so stark wie bei Großunternehmen, während ihre Ausgaben nur moderat steigen. Dies zeige, wie stark der Kostendruck im Mittelstand ist – und wie konsequent Unternehmen auf effiziente Mobilität setzen.
Auch die geografische Ausrichtung verschiebt sich laut der Analyse. Der Zuwachs komme ausschließlich aus Europa. Der Anteil an Geschäftsreisen ins europäische Ausland steige von 24 auf 30 Prozent, während Reisen in den Rest der Welt auf dem Vorjahresniveau blieben. Europa werde damit zum erweiterten Heimatmarkt deutscher Geschäftsbeziehungen. Parallel verändere sich die Verkehrsmittelwahl: Die Schiene überholt das Flugzeug auf Inlandsstrecken deutlich und erreicht einen Nutzungsanteil von 52 Prozent, während Inlandsflüge auf 13 Prozent zurückgehen. Gleichzeitig steigen die Kostenanteile für Hotel und Verpflegung spürbar an, während Transportkosten leicht sinken.
Travel Management als strategischer Hebel für Effizienz und Fürsorge
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist der messbare Wertbeitrag eines professionellen Travel Managements. 59 Prozent der Unternehmen erzielen durch strukturierte Prozesse Einsparungen zwischen sechs und zehn Prozent, weitere elf Prozent erreichen sogar zweistellige Werte. Bei einem Marktvolumen von 48,6 Milliarden Euro entspricht dies einem jährlichen Potenzial von rund 3,9 Milliarden Euro.
VDR Vizepräsidentin Inge Pirner betont die Bedeutung für Unternehmen und Mitarbeiter:innen: „Reisen wird für viele Mitarbeitende relevanter Bestandteil für Beziehungspflege und Innovationsmotor. Gleichzeitig brauchen Unternehmen klare Regeln, damit Fürsorgepflicht, Sicherheit und Flexibilität zusammenpassen. Professionelles Travel Management schafft genau diesen Rahmen und sorgt dafür, dass Reisen effizient, sicher und verantwortungsvoll gestaltet werden.“
Blended Travel – die Verbindung von Dienstreise und privaten Anteilen – sei in der Unternehmenspraxis längst etabliert, aber rechtlich kaum geregelt. Die Mehrheit der Unternehmen toleriert oder fördert Bleisure und Workation, doch 72 Prozent haben diese Formate noch nicht in ihren Reiserichtlinien verankert. Dadurch entstünden Graubereiche bei Haftung, Versicherung und arbeitsrechtlichen Anforderungen.
Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz nimmt zu. Drei Viertel der Unternehmen nutzen KI bereits in der Reisekostenabrechnung, fast ebenso viele in der Reiserichtlinie. Laut Analyse liegen die größten Hürden in der Systemintegration, im Datenschutz und in der Frage nach klaren Business Cases.
Standortfaktor Mobilität: Wo Politik jetzt gefordert ist
Die Analyse zeige deutlichen Handlungsbedarf für die Politik. Die seit 2020 unveränderten Verpflegungs- und Übernachtungspauschalen decken die realen Kosten nicht mehr ab. Gleichzeitig braucht es verlässliche Bahnkapazitäten, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen im Luftverkehr und klare arbeitsrechtliche Regeln für Blended Travel. Die Studie macht deutlich, dass Mobilität ein Standortfaktor ist – und bleibt.
Trotz aller Herausforderungen blicken die Unternehmen optimistisch nach vorn. 62 Prozent erwarten für 2026 ein weiteres Wachstum der Geschäftsreisen, nur vier Prozent rechnen mit einem Rückgang. Damit bestätige die Studie den Trend, dass Geschäftsreisen in vielen Unternehmen wieder als strategischer Teil von Zusammenarbeit und Geschäftsentwicklung gelten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Erhebung vor Ausbruch des Kriegs im Iran stattfand.